Stellungnahme von aus-unserer-sicht e. V. zur aktuellen Situation des Fonds Sexueller Missbrauch
Der Fonds Sexueller Missbrauch ist faktisch beendet. Für viele Betroffene war er ein wichtiger Schritt hin zu Anerkennung, Unterstützung und Selbstbestimmung. Er hat Lücken geschlossen, wo andere Hilfesysteme nicht greifen.
Die politische Zusage zur Fortführung wurde von vielen als Hoffnungsschimmer wahrgenommen, doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Statt Sicherheit erleben Betroffene erneut Unsicherheit. Statt eines verlässlichen Zugangs zunächst neue Hürden, neue Begrenzungen und nun schließlich ein abrupter Stopp.
Seit heute ist bekannt: Erstanträge mit Eingangsdatum ab dem 19. März 2025 werden nicht mehr bewilligt. Die im Bundeshaushalt vorgesehenen Mittel sind ausgeschöpft. Eine Warteliste wird nicht geführt. Auch unvollständige Anträge müssen bis spätestens 31. Dezember 2025 ergänzt werden, um überhaupt noch beschieden werden zu können.
Dabei sieht der Koalitionsvertrag ausdrücklich vor, den Fonds und das Ergänzende Hilfesystem (EHS) gemeinsam mit dem Betroffenenrat weiterzuentwickeln. Statt einem verlässlichen und dauerhaft gesicherten Zugang erleben Betroffene nun erneut das Gegenteil: einen Förderstopp ohne Übergang, ohne Perspektive.
Wir haben in den letzten Wochen 160 Erfahrungsberichte gesammelt. Sie zeigen mit großer Klarheit, was der FSM in der Praxis bedeutet: individuelle Hilfe, Stabilisierung, Teilhabe – und in manchen Fällen buchstäblich Überleben.
- „Ohne den Fonds gäbe es mich vielleicht nicht mehr.“
- „Ohne den Fonds hätte ich meine Therapie nicht fortsetzen können. Ich wäre verloren gewesen.“
- „Es war das erste Mal, dass mir geglaubt wurde. Das war heilsam.“
- „Die Leistungen kosten Geld – aber sie retten Leben.“
- „Der Fonds hat es mir ermöglicht, nicht nur zu überleben, sondern zu leben.“
- „Ich konnte zum ersten Mal eigene Entscheidungen darüber treffen, was mir hilft.“
Diese Stimmen kommen aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten – aber sie haben eines gemeinsam: Der FSM hat dort geholfen, wo andere Systeme nicht greifen. Viele der bewilligten Hilfen lagen außerhalb klassischer Regelversorgung: körperorientierte Traumatherapie, unterstützende Technologien, kreative Ausdrucksformen, tiergestützte Begleitung – oder einfach ein sicherer Schlafplatz.
Als Netzwerk von und für Betroffene sexualisierter Gewalt fordern wir:
- Planungssicherheit und Klarheit: Der Zugang zu Hilfen muss verlässlich, rechtssicher und unbürokratisch geregelt sein. Der aktuelle Mittelstopp zeigt, wie dringend ein dauerhaft gesichertes System gebraucht wird.
- Erhalt der niedrigschwelligen Logik: Das Verfahren darf nicht durch Vorleistungspflichten, Abschreckung oder überkomplexe Anforderungen unzugänglich werden.
- Einbindung von Betroffenenwissen: Die Perspektiven und Erfahrungen von Betroffenen müssen aktiv in die Weiterentwicklung eingebunden werden.
Wir sehen die aktuelle Situation als Chance: Jetzt besteht die Möglichkeit, aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre ein neues, tragfähiges, rechtssicheres Hilfesystem zu entwickeln, auf Grundlage der Expertise von Betroffenen.
Als aus-unserer-sicht e. V. stehen wir dafür bereit.
Unser Ziel bleibt:
Ein wirksames, dauerhaft gesichertes Unterstützungssystem für alle, die es brauchen.
Ohne Angst. Ohne Bürokratie. Ohne Beweislast.
Sondern mit Respekt, Transparenz und Verantwortung.